Tag 5 – Datong, erster Tag: Fledermausalarm

25.7.2012 Tag 5
Für heute hatten wir eine Tagestour zu den hängenden Klöstern und einer Holzpagode gebucht. Um 9 Uhr haben wir uns im CITS-Büro mit unserem Fahrer und noch einer Russin getroffen, dann ging es los.
Da muss ich jetzt mal ein wenig zum Straßenverkehr erzählen – für meine Mutter wären das reine Schockertouren (jep, das Bodenblech wäre durchgetreten …) Also: Istanbul war ja schon viel Verkehr und Gehupe, aber das hier ist noch heftiger. Hier gibt es allermeistens keine wirklichen Fahrspuren, sondern eine breite Straße. Und die wird voll ausgenutzt! Am Rand die Fußgänger, dann alles Zweirädrige (mehr oder minder beladen) und ab dann nutzen alle Vehikel den Restraum. Braucht man mehr Platz, wird kurz gehupt und überholt, mal links, mal rechts wo Platz ist. Gegenverkehr? Egal, wird schon passen! Chinesen könnten eigentlich mit geschlossenen Augen fahren – die Huperei funtioniert wie ein Echolot. Und vor Kreisverkehren stellen sie einfach Hütchen für imaginäre Spuren auf, damit wenigstens etwas Ordnung herrscht – es grenzt an ein Wunder, dass die Dinger nicht einfach umgefahren werden. Dass man dabei noch locker mit dem Handy telefonieren kann, sei nur am Rande erwähnt. Anschnallen? Überbewertet. Und dann die Kreuzungen: Es gibt zwar Ampeln, aber ich habe das System noch nicht erkannt, wann tatsächlich auf sie geachtet wird. Geschweige denn auf den Polizisten, der zusätzlich in der Mitte steht und winkt – und nicht unbedingt synchron zur Ampel. Aber ist eh egal .
Und ich habe einen neuen Sport: Ich mache (Foto-)Jagd auf möglichst kurios beladene Karren. Mein tollstes gesichtetes Objekt war meterhoch mit Styropor beladen – verflixt, und ich war zu langsam mit der Kamera!

Schwere Last auf dem Mopped
Schwere Last auf dem Mopped

Doch nun zu unserer Tour:
Unserer Fahrer hat uns die rund 70 Kilometer zu den hängenden Klöstern gefahren. Dieses Kloster wurde mitten in eine Felswand gebaut – mit den Jahren ist es immer höher gewandert, wenn der Fluss, der untendran fließt, bei viel Wasser einen Teil mitgerissen hat. Die Klosterräume sind Höhlen mit einem Holzvorbau, der mit Holzstangen am Fels abgestützt wird. Enge, steile Treppen und Holsstege verbinden die einzelnen Räume in denen Heiligtümer gleich dreier Religionen untergebracht sind: Buddhismus, Konfuzianismus und Daoismus. Schwindelfrei sollte man schon sein,wenn man die steilen Holztreppen hoch oben in der Felswand erklimmt. Ein tolles Bauwerk!

Haengendes Kloster
Haengendes Kloster

Haengendes Kloster
Haengendes Kloster

Weiter ging es nach Yingxang: Dort hat uns unser Fahrer ein Mittagessen in einem Restaurant nahegelegt – war ok, aber nicht berauschend.
Dann sind wir zu der Holzpagode rübergelaufen – Pagoden aus Holz sind eher unüblich in China, von daher schon eine Besonderheit. Die Konstruktion des Turmes mit ganz vielen verschiedenen Arten von Holzklammern ist so genial gemacht, dass der Turm schon viele Erdbeben unbeschadet überstanden hat. Im Turm selbst ist eine riesige Buddhafigur – schon beeindruckend, so eine mehrere Meter hohe Figur. Leider darf man den Turm nicht mehr hinaufsteigen, früher war das wohl möglich. Mit dabei war noch ein Tempel, den wir uns auch noch angesehen haben.
Danach haben wir die Rückfahrt angegetreten (mit kurzem Halt, weil unserer Fahrer noch ein paar Melonen – am Straßenrand gekauft hat. Wir, als Taxifracht, wurden von den Bäuerle neugierig beobachtet. Das passiert hier übrigens oft, dass man ganz neugierig angeschaut wird oder es versucht wird, mehr oder minder heimlich, uns zu fotografieren. Oder es schallt einem ein „Hello!“ entgegen und sie freuen sich riesig, wenn man mit „ni hao!“ antwortet.
Zurück in Datong haben wir uns ein Taxi in die Innenstadt genommen, weil wir uns die Drachenwand und die Klosteranlage ansehen wollten.

Neun-Drachen-Wand in Datong
Neun-Drachen-Wand in Datong

Die Drachenwand ist eine Geisterwand: Geister können nur geradeaus laufen, daher stellt man eine Wand vor den Eingang und schon kommen sie nicht hinein. Und die Fußgeister wehrt man mit einer hohen Eingangsschwelle ab. Die Geister springen nämlich zwischen den Füßen hin und her und wenn man eine Schwelle überschreitet (ja nicht drauftreten! ), dann prallen sie daran ab. Nun die Drachen auf der Drachenwand waren toll: Diese Fratzen – einfach klasse gemacht! Jeder Drachen hat seinen eigenen Charakter.
Dann sind wir zur Klosteranlage rüber: Was eine Anlage. Keine Ahnung, wie viele Tempel auf dem Gelände untergebracht waren – es waren eine Menge! Mit goldenen Buddhas, mit bunten Buddhas, Buddhas aus Holz – letztere fand ich am schönsten. In einem Tempel wurden wir in den Keller geleitet: Komplett mit goldenen Decken und Wänden, goldenen Statuen und kleinen Wandnischen mit Minibuddhas. Danach sind wir in diesem auf den Turm gestiegen und haben von oben das ganze Ausmaß der Bauarbeiten in diesem Viertel um das Kloster gesehen. Gigantisch. Einfach gigantisch. Da werden abertausende von kleinen Hütten abgerissen und machen Neubauten Platz. Die zwar historisch supergut nachempfunden sind und schön aussehen – aber die Leute, die dort wohnen, sind offensichtlich nicht so begeistert davon – ich nehme an, dass die neuen Wohnungen wohl zu teuer sind für sie.
Figur im Tempel in Datong
Figur im Tempel in Datong

Außerhalb des Klosters sind wir die Hauptstraße noch einmal hoch und runter gelaufen (laut, schrill, aller möglicher Kram wird feilgeboten) und dann haben wir uns ein Taxi zurück zum Hostel genommen, Nun sitze ich hier und schreibe meinen Bericht, Sönke schnurchelt leise vor sich hin: Ich werde ihn nun mal wachrütteln, denn wir wollen noch in unser Nudelrestaurant gehen.
Morgen besuchen wir Felsgrotten und die Große Mauer: Vielleicht ist sie hier nicht ganz so touristisch überlaufen wie in Beijing. Und hoffentlich sieht man überhaupt was: Der Smog ist hier schon heftig…

Nachtrag:
Gestern krabbelte ein Tier über mein Bett: Oh nein, eine Schabe! Sönke hatte sie gleich am Wickel und entsorgt. Er wollte mir glauben machen, dass das ein Ohrenkneifer gewesen sei – hallo, guter Witz! Aber ich habe es mal geflissentlich auf meine Igno-Liste gesetzt. Ja, und nun das: Ich hatte Sönke geweckt und sollte ihm meinen Bericht vorlesen. Bei so ungefähr der Hälfte meines Vorlesens, kruschtelte es im Vorhang neben mir. Das hatte es vorhin schon mal und ich hatte gedacht, dass das der Wind gewesen sei. Aber nun war es eindeutig: Da war ein Viech! Mutig sagte ich:“Ok, ich schau nach, wenn ich flitze, dann ist es eine Maus oder eine Ratte.“ Was soll ich sagen – ich bin geflitzt: Eine Fledermaus!! Sönke sagte: “ Ich muss jetzt erst mal aufn Pott, fang sie mit dem Handtuch ein.“ Nix is!! Nach eeewig langer Sitzung bequemte sich mein Schatz – nicht ohne ausführliches Amüsieren über mich – zum Handtuch zu greifen. Was so eine Fledermaus nicht wirklich interessiert, die fliegt einfach drumherum. Auch mit Fenster öffnen und sie freundlich des Wegs zu weisen hat nicht wirklich hingehauen. Also hat Sönke die Kamera geschnappt (klar haben wir Fotos gemacht) und ist zur Rezeption runter. Die Mädels dort haben nach Sichtung der Bilder erst mal einen Mann gerufen, der hat sich den Kescher vom Aquarium geschnappt und mit hoch gekommen. Mit vereinten Kräften haben sie das Fledermäuschen (sie hat mir ja leid getan) hinausbefördert. Puh! Und ein bissel mein Held ist er schon – mein Schatz!
Fladdermuus im Nachtgemach

Nachtrag zwei:
Das Essen in unserem Restaurant um die Ecke war wieder klasse: Sönke hatte Huhn mit Erdnüssen und ich Tomate mit Ei, dazu Reis (brauchte ich nicht, bin auch so satt geworden). Komisch, mit was für komischen Vorstellungen man an die Essensauswahl geht: Tomate und Ei – was die wohl damit machen?? Was ein Blödsinn: Mir schmeckt Teomat und mir schmeckt Ei – was soll denn da großartig schiefgehen bitte?? Dazu haben wir Bier getrunken – ich nehme mir in diesem Fall den Ausländerbonus, denn Frauen trinken dort eigentlich kein Bier.
Am Nachbartisch saßen ein paar Leute und ein kleines Mädchen: Die war voll süß, wie sie so ihre Sachen genussvoll in sich hineingemampft hat. Sönke und ich mussten voll über sie schmunzeln und ihre Eltern haben das mitbekommen. Die freuten sich richtig, dass wir uns so über die Kleine gefreut haben.
Und dann haben die irgendwas gegessen, was wir nicht so recht identifizieren konnten: Sie haben mit einem Zahnstocher irgendeine Schale ausgepuhlt. Als wir am Gehen waren, kamen wir an dem Tisch vorbei und Sönke wollte genauer hinsehen, was das war. Prompt hat er zwei Schnecken ausgepult bekommen zum probieren – schmeckte wohl echt fein.