Vincenzo, der Touristenhirte

Okay, hoffentlich trete ich jetzt niemandem auf die Füße, aber die Tour, die uns von unserer Reiseleiterin nahegelegt wurde sie nicht auf eigene Faust zu machen, war echt übel. Und Sönke und ich sind uns schwerst einig, dass wir so eine guided Tour garantiert so schnell nicht wieder machen werden, wenn denn überhaupt!
Wir wollten gerne die Nachbarinsel Gozo besuchen, aber die Reiseleiterin meinte, dass das mit öffentlichen Verkehrsmitteln wohl sehr schwierig sei. Also haben wir eine Tour gebucht. Oh Mann, Almauftrieb …
Wir sind verspätet am Hotel mit einem Reisebus abgeholt worden und haben dann nacheinander noch einige weitere Hotels abgeklappert. Weil einige nicht ganz pünktlich bereit standen und auch noch Baustellen den Verkehr aufhielten, haben wir die Fähre nach Gozo knapp verpasst. Nun gut, die nächste Fähre ging eine halbe Stunde später, brachte aber den geplanten Ablauf schon ins Wanken. Auf Gozo sind wir in einen anderen Bus eingestiegen (ein Pärchen war in den falschen Bus gestiegen und musste erst wieder gefunden werden …), dann fuhren wir los. Um kurz darauf wieder umzukehren und weitere Personen aufzusammeln. Da waren nämlich die Busse vertauscht worden und die größere Gruppe passte nicht in ihren Bus. Also sind sie bei uns eingestiegen und die bis dahin gelaufenen Erklärungen des Reiseleiters haben wir uns nochmals sowohl in englisch als auch in italienisch nochmals angehört.
Erste Station war eine Tempelanlage. Und unser Reiseleiter hatte allergrößte Mühe, seine Truppe zusammenzuhalten und seine Erklärungen loszuwerden. Wir hatten solch einen Tempel schon einmal gesehen (auf Malta gibt es ja einige davon) und wir fanden ihn nicht so supertoll. Danach sind wir zu einer Kirche – oh und unser Reiseleiter geriet ins Schwärmen … Die Kirche (I’ll give you 15 minutes!) war wirklich mit schönen Steinmetzarbeiten ausgeschmückt. Nett war ein Seitenraum, in dem ganz viele Dankesschreiben (oder alte Gipsschienen oder ähnliche Antiquarien) an die Madonna der Kirche hingen. Auf der Fahrt (jep, alle da mit rotem Aufkleber auf dem Shirt) zur nächsten Location ging nochmals ein Halleluja unseres Reiseleiters an die wundertätige Madonna los.
Auf die nächste Station habe ich mich echt gefreut: Das blaue Fenster. Ein großer Steinbogen an der Küste. (I’ll give you 30 minutes!) Wir sind also losgeflitzt und in eines der kleinen Boote gestiegen, die uns durch eine Felsspalte auf die andere Seite eines Felsvorsprungs geschippert haben und dann zu dem mächtigen Bogen. Der sah echt toll aus und das Wasser hat tiefblau geschimmert. Wir sind noch in ein paar weitere Höhlen hineingefahren – richtig klasse. Nach 15 Minuten war die kleine Tour schon wieder vorbei und wir sind nach oben gestiegen, um den Bogen noch von der anderen Seite zu sehen. Ich bin noch ein Stückchen weiter über ein paar Felsen geklettert, während Sönke schon zum Bus zurück ist. Von den Felsen hatte ich nochmals einen phantastischen Blick auf den Felsbogen und das Felsbecken davor: Dort stiegen gerade Höhlentaucher aus dem 15 Meter tiefen Loch auf: Die Luftblasen der Taucher sahen aus wie Perlenketten. So schnell ich konnte, bin ich über die Felsen zurückgekrabbelt und auch zum Bus – dieses Mal hab ich die Laterne getragen, aber es hat sich gelohnt!
Und dann kam der Höhepunkt der Tour: Seitens einiger Tourteilnehmer war schon ungeduldig nachgefragt worden – das Mittagessen. Mit „are 45 minutes enough?“ wurden wir in den Essenssaal gescheucht. Kurz und knapp: 45 Minuten waren definitiv zu lang!!! Noch kürzer: Kantinenfraß.
Nach dem Essen sind nach Victoria, der Hauptstadt Gozos gefahren: „Stay together“ flehte der arme Reiseleiter und führte uns durch ein paar Gassen zum Hauptplatz der Stadt. Derweil zeigte er uns zig Varianten von Abbildern des St. Georg – und die Italiener lauschten andächtig und jedes Bild, jede Statue wurde eifrigst fotografiert.
Am Hauptplatz dann ein gnädiges „I’ll give you 20 minutes“. Auch wir sind ein wenig durch die kleinen Gassen geschlendert und haben in einem kleinen Hof eine Spitzeklöpplerin gesehen – das finde ich schon irgendwie klasse. Das die sich nicht verheddern. Pünktlich waren wir wieder am Hauptplatz und warteten dieses Mal auf ein russisches Pärchen … In Kolonne sind wir wieder zum Bus marschiert. Unserem Reiseleiter stand der Schweiß auf der Stirn: Hoffentlich verpassen wir nicht wieder die Fähre … Und so hat er seine Schäflein angetrieben durch die Eingangskontrolle der Fähre zu gehen. Ausgerechnet bei ihm hat der Apparillo gehakt und er wäre fast zu spät auf das Schiff gekommen.
Nach der Überfahrt hat es ein Weilchen gedauert, bis alle in den richtigen Bussen saßen und unser guter Reiseleiter Vincenzo war überglücklich, dass er tatsächlich keinen verloren hat (I’m really relaxed now). Nacheinander wurden alle wieder auf ihre Hotels verteilt: Plötzlich meldete sich ein älteres Paar, dass sie doch in diesem Ort aussteigen müssten. Völlig irritiert, dass er nun auf einmal Zuwachs zu seiner Herde bekommen hatte, ließ er sie dennoch aussteigen. Ich möchte nicht wissen, welchem anderen Reiseleiter ein fehlendes Paar die letzten Haare gekostet hat …
Wir haben nur einen kurzen Zwischenstopp gemacht und sind nochmals an den Hafen von Sliema. In einem Restaurant haben wir mehr schlecht als recht gegessen und leicht genervt haben wir uns mit einer Flasche doch recht ordentlichem Wein ins Hotelzimmer zurückgezogen.
Ja, und im Verlaufe des Tages wurde noch ein anderes Thema geregelt: Die Lufthansa-Piloten streiken und wir wurden umgebucht. Wir sollen also von Malta nach Wien und von dort aus nach Hamburg, statt über Frankfurt.